Kuratorische Projekte

Os Caxinauás – Autonomia e Contato,
Museu do Estado do Pará, 2018

 

Os Caxinauás – Autonomia e Contato
Interdisziplinäres Ausstellungs- und Kooperationsprojekt, kuratiert von den Linguistinnen Eliane Camargo / Sabine Reiter und dem Künstler Martin Juef

Die Ausstellung Os Caxinauás – Autonomia e Contato thematisiert am Beispiel der Caxinauás den Einfluss von Kontakten mit Forschern, Missionaren und Händlern auf die traditionelle Lebensweise indigener Gruppen. Die Caxinauás gehören der Pano-Sprachfamilie an. Ein Teil der ursprünglich im Quellgebiet des Rio Juruá im brasilianischen Amazonastiefland angesiedelten Caxinauás flüchtete um 1920 vor den Repressionen damaliger „Kautschukbarone“ in das zu Peru gehörige Gebiet am Oberen Rio Purus, wo sie bis heute leben. Im Vergleich zu den in Brasilien verbliebenen Caxinauás konnte dieser Teil der Gruppe in relativer Abgeschiedenheit seine traditionelle Lebensweise noch einige Jahrzehnte beibehalten. Doch kamen seit den 1950er Jahren auch bei den Caxinauás auf peruanischem Gebiet durch Kontakte mit Händlern, Missionaren und Militärs Entwicklungen in Gang, die zu einer Veränderung der Lebensweise und des sozialen Gefüges innerhalb der Gemeinschaft geführt haben. Die Ausstellung veranschaulicht diesen Veränderungsprozess durch das Gegenüberstellen von aktuellen und historischen Bild-, Ton- und Textdokumenten. Sie greift dabei auf Archivmaterial zurück, das bis in die zweite Dekade des 20. Jahrhunderts zurückreicht und das zum Teil noch nie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist.

Die Ausstellung Os Caxinauás – Autonomia e Contato wurde in enger Zusammenarbeit mit Vertretern der Caxinauás konzipiert und durchgeführt.

 


 

No Limite / Am Limit,
Museu da UFPA, 2017

 

No Limite / Am Limit
Internationales Ausstellungs- und Kooperationsprojekt der Kulturgesellschaft Casa de Estudos Germânicos an der Universidade Federal do Para und des Museu da UFPA in Belém, Brasilien, kuratiert von Marisa Mokarzel und Martin Juef.

Grenzerfahrungen und das Überwinden von Grenzen können als Kulturtechniken aufgefasst werden, die z.B. in den Zeiten der großen Entdeckungen dazu führten, dass nicht nur Landkarten neu gezeichnet, sondern ganze Weltbilder grundlegend umformuliert werden mussten. Grenzen markieren ein Innerhalb und ein Außerhalb, sie sind formbildende Konturen für existenzielle Sachverhalte. Grenzen sind dynamisch und daher niemals endgültig, nur der Tod stellt eine ultimative Grenze dar. Nach Karl Jaspers führen Erlebnisse von Grenzsituationen zu inneren Wandlungen, die „das Werden einer in uns möglichen Existenz“ begünstigen. Wir entwickeln dabei Umgangsformen, die der eigenen Souveränität zu Gute kommen.

Die Ausstellung No Limite / Am Limit thematisiert Grenzen und mit Grenzsituationen verbundene Erfahrungen anhand von 12 ausgewählten künstlerischen Beiträgen. Es handelt sich dabei ausschließlich um Beiträge von Künstlerinnen, genauer von acht Künstlerinnen aus Berlin und vier Künstlerinnen aus Belém. Die Beiträge beziehen sich entweder auf persönliche Grenzerlebnisse, oder sie kreieren selbst Grenzsituationen durch bestimmte künstlerische Strategien und Vorgehensweisen.

Die Bandbreite der Ausstellungsbeiträge reicht von der raumgreifenden Rekonstruktion einer tatsächlichen Nahtoderfahrung bis zu den fotochemischen Experimenten mit den Konturen banaler Alltagsgegenstände. Innerhalb dieses Spektrums treffen wir auf Relikte ideologischer Konfrontation, z.B. auf das Konterfei Che Guevaras aufbewahrt in einem Gefrierschrank, oder auf in Behälter mit Wasser eingesetzte und dadurch aufgelöste Porträtfotos, die zu einer Recherche über die Verfolgung und Diskriminierung japanischer Frauen im Korea der Nachkriegszeit gehören. Wir sehen in einem Video den blasphemischen Umgang mit religiösen Symbolen und stehen der „konstruktiven Verarbeitung“ sogenannter „Fake-News“ in einem Arrangement von Wandobjekten gegenüber. Großformatige Zeichnungen erinnern uns an ein geschlechtsspezifisches Stereotyp aus den Anfängen der Psychoanalyse: „I am not hysterical“. Wir erfahren von der Angst einer Künstlerin während ihres Aufenthalts auf „Fruholmen“, einer kleinen Insel an der Küste Norwegens, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts der Verbannung von Frauen diente, die man mit dem „Aufsteigen böser Geister“ in Verbindung brachte. Wir folgen einer Kamera bei ihrer Fahrt durch die Betonruine eines nie in Betrieb genommenen Atomkraftwerks begleitet von einem Monolog über künstlerische Selbstfindungsprozesse. Und wir lernen die Kunstfigur „Viola Kamp“ kennen, eine Agentin und Doppelgängerin, die wir bei ihrem hintersinnigen Spiel künstlerischer Selbstinszenierung beobachten und deren Strategie ewiger Jugend auch der Notwendigkeit erfolgreicher Selbstvermarktung geschuldet ist. Zuletzt werden wir sicher durch ein kartografiertes Gelände geleitet, vorbei an den markierten Bereichen des Grolls, der vergeblichen Sehnsüchte und der von Einsamkeit „unterdrückten Herzen“. Wir gelangen so an ferne Ufer, wo Künstlerinnenhände virtuos auf der Klaviatur heranrauschender Wellen spielen.

Teilnehmende Künstlerinnen: Chan Sook Choi, Danielle Fonseca, Isabelle Borges, Keyla Sobral, Kirsten Heuschen, Lúcia Gomes, Luciana Magno, Monika Rechsteiner, Nadine Fecht, Silvia Beck, Zorka Lednarova und Zuzanna Skiba.

Text: Martin Juef

 


 

Marimbondo e Orquídea / Wespe und Orchidee,
Museu Casa das Onze Janelas, Belém, 2016

 

Museu de Arte Contemporânea do Ceará, Fortaleza, 2016

 

Grimmuseum, Berlin, 2016

 

Marimbondo e Orquídea / Wespe und Orchidee
Internationales Ausstellungsprojekt für 2016/2017 konzipiert und kuratiert von Martin Juef

Die Ausstellung Marimbondo e Orquídea / Wespe und Orchidee ist ein deutsch-brasilianischen Kooperationsprojekts, das an der Casa de Estudos Germânicos der UFPA Belém im Bundesstaat Pará produziert wurde. Das Projekt umfasst insgesamt drei Ausstellungen, zwei davon in Brasilien, wobei in unterschiedlichen Konstellationen neun Künstler aus Berlin und neun Künstler aus Belém, Fortaleza und Recife miteinander in Beziehung gesetzt werden. Der Titel des Projekts bezieht sich auf den berühmten Aufsatz „Rhizome“ von Gilles Deleuze und Félix Guattari, in welchem die Autoren das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Erfahrungswelten als Möglichkeit eines sich ergänzenden und befruchtenden Zusammenwirkens beschreiben.

Ausgehend von Belém wurde das Projekt speziell für den Norden und Nordosten Brasiliens konzipiert. Im Vergleich zu anderen Regionen Brasiliens ist hier das koloniale Erbe noch deutlich spürbar: Der Nordosten, seit langem gekennzeichnet durch Landflucht und Abwanderung in den Süden, gilt mit seinen durch Monokulturen zerstörten Böden als das Armenhaus Brasiliens. Der Norden dagegen steht wegen der Ressource Regenwald bis heute konstant im Fokus des nationalen und internationalen Interesses. Gleichzeitig sind seine expandierenden Metropolen zunehmend auch ein Migrationsziel für die Bevölkerung des Nordostens. Und während sich der Nordosten nur sehr langsam von der kolonialen Ausbeutung erholt, schreiten im Norden als einem Teil Amazoniens die ökonomische Nutzbarmachung der Natur und die damit einhergehenden Umweltschäden und sozialen Konflikte weiter voran. Die für beide Regionen zutreffenden Prozesse wie Vertreibung der Landbevölkerung, Ausweitung der Elendsviertel in den Städten und die allgegenwärtige Gewalt spiegeln sich in den Werken der brasilianischen Künstler wider.

Im Juli 2016 wurden im Museu Casa das Onze Janelas in Belém zunächst alle an dem Projekt beteiligten Künstlerinnen und Künstler ausgestellt. In der darauf folgenden Ausstellung im Museu de Arte Contemporânea do Ceará in Fortaleza (Oktober/November 2016) bildeten die Beiträge der Berliner Projekteilnehmer den Schwerpunkt der Ausstellung, während in der anschließenden Ausstellung im Berliner Grimmuseum (November/Dezember 2016) die Beiträge der brasilianischen Projektteilnehmer im Vordergrund standen. Darüber hinaus fanden im Rahmen des Projekts in Recife und Belém drei Workshops statt, die als Ergebnisse des künstlerischen Austauschs und direkten Kontakts mit Menschen vor Ort stellvertretend für den interaktiven Aspekt dieses Kooperationsprojekts stehen.

Die brasilianischen Teilnehmer des Projekts sind: Alexandre Sequeira, Armando Queiroz, Bruna Rafaella Ferrer, Carlos Mélo, Francisco Klinger Carvalho, Jonathas de Andrade, Luciana Magno, Márcio Almeida und Solon Ribeiro.

Die Berliner Teilnehmer des Projekts sind: Anna Staffel, Falk Nordmann, Frank J. Schäpel, Katerina Valdivia Bruch, María Linares, Martin Juef, Monika Rechsteiner, Pavel Forman und Yoel Díaz Vázquez.

Kooperationspartner des Projekts sind: Das Museu Casa das Onze Janelas in Belém, das Museu de Arte Contemporânea do Ceará – Dragão do Mar in Fortaleza, die Kulturgesellschaften/ DAAD-Lektorate in Belém und Fortaleza, das Centro Cultural Brasil-Alemanha (CCBA) in Recife, das Goethe-Institut Salvador da Bahia, und das Grimmuseum in Berlin.